27 Jan '13

[…] Es ist das Verdienst des 29-jährigen Regisseurs Sebastian Gruner, die abstrakte Konstellation an den historischen Ort rückgebunden zu haben, ohne eines der üblichen Nazi-Zeitstücke zu liefern. Zu Beginn, als harte Akkordschläge im Orchester einen eisernen Rhythmus vorgeben, lässt Gruner auf der Bühne des Detmolder Sommertheaters zwei blutrote Hakenkreuzfahnen von oben herabrauschen. Vier Jugendliche marschieren mit an HJ- und BDM-Uniformen angelehnten Kostümen auf, heben die Hand zum Hitlergruß.

Die unheimliche Zeit wird dramatisch vergegenwärtigt. Dann wankt Sophie Scholl und bricht zusammen. Die Bühne von Hans-Günther Säbel – er ist Leiter des Malsaals am Landestheater – bildet zu der konkreten politisch-zeitgeschichtlichen Exposition einen abstrakten Rahmen, der im Lauf des Stücks bestimmend werden soll. Hans und Sophie wechseln die Kleider: Mit schlichten blaue Kombinationen hebt Tatiana Tarwitz – die Leiterin der Kostümabteilung zeichnet verantwortlich – den zeitgeschichtlichen Bezug auf, erinnert an Gefangenenkleidung, ohne sie zu aufdringlich historisch zu verorten. Das entspricht dem Stück, das ins Allgemeine ausholt und die menschliche Situation der Angst, gesteigert bis zur Panik Sophies, einholt. Gruner arbeitet mit Mitteln der Distanzierung und Metaphorik, indem er etwa ein Karussellpferd einführt, oder einen Clown, der sich zur Todesfigur wandelt, konzentriert sich aber vornehmlich auf die Psychologie der Personen.

Darin folgen ihm seine Darsteller Sarah Davidovic (Sophie) und Kai-Ingo Rudolph (Hans) mit engagiertem Einsatz von Körpersprache und Mimik. An der szenischen Übersetzung der bildhaften oder kommentierenden musikalischen Chiffren Udo Zimmermanns erkennt man Gruners sichere Hand für die Erfordernisse des Musiktheaters. Um den Kontrast zu steigern, baut er eine kurze Szene ein, in der Hans und Sophie in Abendkleidung ausgelassen zu einem Schlager der Grammophonzeit tanzen – abrupt herausgerissen von den knallenden Akkorden von Zimmermanns Musik. Eine Szene, die bestürzend verdeutlicht, wie der Stahltritt der Stiefel die unbeschwerte Jugend von Millionen Menschen zertreten hat. Auch die Motivation der Scholls aus ihrem christlichen Glauben wird szenisch angesprochen, wenn Sophie mit der Bibel in der Hand an die Rampe tritt: „Mein Gott, ich kann nichts anderes als stammeln …“. Das Ende führt Gruner wieder in die Konkretion zurück: Die weiß bespannten Wandelemente des Bühnenbilds bilden zwei Einzelzellen, in denen die Todeskandidaten letzte Gedanken fassen, bevor sie brutal abgeführt werden.

„Freiheit“ ist das letzte Wort des Abends – übertragen aus einem Lautsprecher wie ein Vermächtnis. „Es lebe die Freiheit“ war der Abschiedsruf Hans Scholls auf dem Schafott.[…] Viel Beifall für eine packende Produktion, die Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ wieder einmal als ein fast schon klassisch gewordenes Stück gegenwärtiges Musiktheater ins Bewusstsein hebt.